Ionisierende Strahlung (Fukushima & Co)

Medien und Internet sind randvoll mit Ängsten vor radioaktiver Strahlung. Selbstvertändlich ist ionisierende Strahlung in hoher Dosis gefährlich. Das ist hinreichend bewiesen. Mich interessiert aber, ab welcher Dosis eine nennenswerte Gefahr besteht und wie hoch Dosis und Gefahr zu bewerten sind. Dabei ist mir klar, dass Risikoempfindung und Risikobewertung individuell bei unterschiedlichen Risiken extrem unterschiedlich ausfallen. Das weiss man schon lange. So wie man auch seit Paracelsus weiss, dass eigentlich alles Gift ist, dass aber erst die Dosis das Gift macht.
Etwas rationalisiert gesehen ist Risiko das Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Katastrophen-Ausmass. Aber beides unterliegt wieder einer individuellen Einschätzung.
Ich führe nachfolgend hauptsächlich Quellen und Tatsachen auf, die einer Entschärfung der Angst dienlich sein könnten und gegen den derzeitigen Mainstream laufen.

Vermutung 1:
Das sogenannte "Tschernobyl-Forum" kommt auf weit unter 100 unmittelbare Strahlentote und 4.000, maximal 10.000 Spätfolgen aus dem Unglück. In die selbe Kerbe schlägt tendenziell und zusammenfassend auch unser Bundesamt für Strahlenschutz: http://www.bfs.de/de/kerntechnik/faq/faq_tschernobyl.html/printversion#20

Besagtes Forum ist möglicherweise pro-atom-lastig besetzt, obwohl die WHO (http://www.who.int/mediacentre/news/releases/2005/pr38/en/index.html) mit im Boot ist. Angeblich hat sie da aber einen Maulkorb an. Das behauptet jedenfalls die Anti-Atom-Lobby.
Eine massgebliche Rolle in diesem "Forum" hatte aber wohl auch das UNSCEAR. 1)

Vermutung 2:
Greenpeace widerspricht Vermutung 1 und kommt mit eigenen Studien auf wenigstens 90.000 Folgeopfer. Die Grundtendenz von Greenpeace bedarf wohl keiner näheren Erläuterung. Ich persönlich halte die übrigens für einen durchaus nützlichen und sinnvollen Wachhund, auch wenn sie es manchmal übertreiben und sehr geschäftstüchtig sind.

Vermutung 3:
Die Anti-Atom-Lobby, darunter u.a. führend  die IPPNW  rechnet u.a. unter Berufung auf einen russischen Forscher namens Alexej Jablokov http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Forum/forum125_20-21-22.pdf mit 1,03 Millionen Folgeopfern aus Tschernobyl. Man beachte die Genauigkeit bei einer "groben Abschätzung". Jablokov erwähnt im gleichen Interview canadische und US-amerikanische Untersuchungen, die auf 900.000 bis 1.800.000 Folgeopfer kommen. Sodann macht Jablokov ionisierende Strahlung ausser für Krebs noch für folgende Erkrankungen verantwortlich: Herz-Kreislauf-Krankheiten,  organische Hirnschäden, Chromosomenschäden, Fehlbildungen,  Strahlenstar der Augen  und das "neue Tschernobyl-Syndrom".  Ausserdem seien Schädigungen des Immunsystems ein Hauptgrund dafür, dass stärker (!) von der Strahlung getroffene um fünf bis sieben Jahre älter aussehen, als sie sind.

Unter Berufung u.a. auf  die als konservativ geltende National Academy of Science in den USA, geht IPPNW davon aus, dass es keine untere Schwelle für gefährliche Strahlendosen gibt.

Bemerkung:
Mir kommt das alles in anderer Färbung sehr vertraut vor. Die ohnehin vorhandene natürliche Strahlenbelastung liegt bei wenigstens 2,5mSv/Jahr. Ein erwachsener Mensch ist selbst ein "Strahler" mit ca. 8000Bq.


Tatsache 1:
Alle diese "Schätzungen" beruhen auf Statistiken mit völlig verschiedenen Annahmen und leicht unterschiedlichen Methoden. Es wird aber immer eine Grösse A (vermutete Ursache, hier abgeschätzte Kontamination einer Gegend) mit einer Grösse B (vermutete Wirkung, insbesondere Krebs in diesem Fall) statistisch erfasst und durch Vergleich ein Beweis versucht. - Auch wenn andere Experten in anderen Sachgebieten z.B. für die Grösse A den Alkohol oder andere Unbill verwenden, um deren Wirkung auf die Grösse B zu beweisen. Es gibt hier, wie immer, die Confounder-Problematik.
Es ist sodann immer von "erhöhter Sterblichkeit" die Rede. Über die Altersverteilung dieser "Sterbilchkeit" findet man keine Aussagen, so wenig, wie über die Schwere der Krakheiten, die dem Tod voraus gehen.
Die Gesamt-Streblichkeit ist immer 100%.


Vermutung 4:
In einem 300 Seiten dicken Schinken des Bayerischen Staatsministeriums über Radioaktivität, Röntgenstrahlung und Gesundheit http://www.stmas.bayern.de/arbeitsschutz/roentgen/radio-roent-gesundheit.pdf steht ab Seite 186 zur Problematik epidemiologischer Studien u.a.:

Bei prospektiven Studien kann die Exposition für die
kommende Zeit genau bestimmt werden, aber das Personenkollektiv
kann sich ändern. Der "Gold-Standard" eines
Studiendesigns ist die doppelt blinde, prospektive, randomisierte
Kontrollstudie. Dieser wird gefolgt von der Kohortenstudie.
Um aber mit einer dieser beiden Methoden bei sehr
seltenen Ereignissen zu statistisch signifikanten Fallzahlen
zu kommen, werden sehr große Populationen benötigt (in
der außergewöhnlich großen und lang andauernden Kohortenstudie
der Atombombenüberlebenden von Hiroshima und
Nagasaki sind in einer Population von etwa 80 000 Überlebenden
in den über 50 Beobachtungsjahren bislang gerade
etwas über 500 zusätzliche Krebsfälle aufgetreten für beide
Städte, beide Geschlechter, alle Jahre seit der Exposition,
alle Tumorarten und alle Geburtsjahrgänge). Wenn die Entwicklung
des Gesundheitseffektes eine lange Zeit benötigt,
müssen diese großen Populationen über eine lange Zeit
wissenschaftlich beobachtet werden. Dies kann auch zu vielen
"Verlusten" (z. B. durch unbekanntem Verzug) führen.
Epidemiologische Studien, die über viele Beobachtungsjahre
mit großen Kollektiven durchgeführt werden, führen zu
hohen Gesamtkosten.
Schneller und viel billiger sind da Fall-Kontroll-Studien.

Vermutung 5:
In deutlich erhöhter, aber noch geringer Dosis (bis zu 9mSv pro Kur) könnte Strahlung auch heilsam sein. Zumindest werden Kurorte wie Bad Gastein, die solche Kuren anbieten, nicht geschlossen.
http://www.med-presse.com/inhalt/de/artikel/radiol_1.php
Badewasser in Bad Gastein "strahlt" mit 2000Bq/Liter (ja, Liter). Diese Aussage ist insofern irreführend, weil die Ionisierung ja durch das Wasser abgebremst bzw. vernichtet wird, nachdem das Wasser selbst kurzfristg aktiviert war.

Vermutung 6:
Beschäftigte in Atomkraftwerken und die Ingenieure haben offensichtlich eine eher geringe Angst vor Strahlung und deren Risiken. Auch sie sind, wie ich vermute, überwiegend verantwortungsvoll und haben Familie und Kinder. Sachkunde haben sie nach meiner Meinung wesentlich mehr, als wir alle zusammen.

Tatsache 2:
Es gibt verschiedene Methoden der Messung von Strahlungsleistung und Strahlendosis.2) Gängig ist derzeit die (kumulierte) Dosisangabe in Sievert und die Leistungsangabe in Sievert pro Zeiteinheit. Sievert ist eine (ziemlich willkürlich) biologisch bewertete Einheit. Interessant dazu eine knappe Fassung unter diesem Link: http://www.netzeitung.de/politik/ausland/126086.html
Ich möchte darauf hinweisen, dass eine im Laufe der Zeit kumulierte Dosis nicht notwendigerweise eine hohe Gefahr bedeutet. Starke Raucher nehmen beispielsweise im Laufe einer Woche locker eine als Einzeldosis tödliche Menge an Nikotin zu sich. Dabei wird natürlich Nikotin und ionisierende Strahlung nicht direkt vergleichbar sein.

Tatsache 3:
Die Strahlung im Kraftwerk Fukushima Daiichi ist extrem hoch, zumindest für die Arbeiter im und um die Reaktoren. Ich beobachte das täglich mit grosser Sorge. Die Daten werden von TEPCO mehrmals täglich veröffentlicht.
In Zahlen (Stand 15.4.2011 http://www.jaif.or.jp/english/news_images/pdf/ENGNEWS01_1302851150P.pdf):
Am Verwaltungsgebäude: 530µSv/h  3)
Am Haupttor: 68µS/h
Am Westtor: 29µSv/h
Damit ist die Strahlung am Verwaltungsgebäude immer noch 500-1000 Mal höher, als die ubiquitäre Belastung! Und sie war schon weit mehr als doppelt so hoch. Trotzdem lässt man da Menschen arbeiten, mit Dosimetern (teilweise schlampig) überwacht und bringt sie immer wieder in Sicherheit, wenns brenzlig wird. Sind das tatsächlich Kamikaze-Einsätze?

Vermutung 7:
Die Größe der Jahresdosis, die mit einer Erhöhung des Krebsrisikos in Verbindung gebracht wird, liegt bei 100 mSv.
http://fukushima.grs.de/contetnt/aktivitaet_dosis
Die Strahlendosis, die den Arbeitern an den Unglücksreaktoren in Fukushima zugemutet werden, liegen bei bis zu 250mSv.
Angeblich hat bis zum 18. April kein Arbeiter mehr als 250mSv abbekommen und maximal 20 mehr als 100mSv.
http://www.vgb.org/vgbmultimedia/News/Fukushima_VGB_rev16.pdf  Seite 76

Tatsache 4:
Ohne den Fallout gerechnet nimmt die Strahlung im Quadrat zur Entfernung ab. D.h. in 10km Abstand vom Strahlungsherd ist die Strahlung nur noch ein Hundertstel von der im Abstand von 1km. Das ist ein physikalisches Gesetz.
Aber selbst im 40km entfernten Litate gibt es noch 5µS/h (im Freien). Es muss also Fallout, das heisst vom Wind verbreitete ionisierende Partikel gegeben haben. Die Strahlung ist hier immer noch das 10- bis 20-fache der normalen Hintergrund-Strahlung. Trotzdem zögert hier die japanische Regierung mit der Evakuierung. Gehen die nun mit ihrem Volk fahrlässig um oder ist diese Strahlung für Insider einfach nur marginal als Risiko zu bewerten? Immerhin haben sie sofort nach der Katastrophe 20km im Umkreis evakuiert. Auch das Meer ist um das Kraftwerk herum mittlerweile höchst belastet von ionisierenden Jod- und Cäsium-Isotopen.
Mit Zahlen über das eigentlich gefährliche Cäsium geizt TEPCO leider sehr!

Tatsache 5:
An der Naturkatastrophe in Japan sind wenigstens 20.000 Menschen gestorben. Die Naturkatastrophe hat ausser unzähligen Häusern und Industrieanlagen auch ein von Menschen gebautes gefährliches Kraftwerk beschädigt. Durch das Reaktorunglück hat jedoch bis dato noch niemand sein Leben, oder seine Familie verloren. Auch Folgen einer Naturkatastrophe wären durch ein vernünftiges Siedlungsverhalten vermeidbar. Tokio befindet sich überwiegend ca. 6m über dem Meeresspiegel! Der Tsunami war bis zu 30m hoch.

Tatsache 6:
Die Deutschen spielen verrückt. Sie kaufen ohne jegliche Gefahr hierzulande Jodtabletten und Geigerzähler. Ich besitze übrigens auch einen, aber schon seit 5 Jahren und aus anderem Grund.




Mehr Online-Literatur:

zum Vorkommen ionisierender Strahlung:
http://www.niese-mohorn.de/Ionisierende_Strahlung.pdf

Glosse eines Sachkundigen

Dr. Lutz Niemann, ein Strahlenschutzbeauftragter in Novo:
Wie gefährlich sind radioaktive Strahlen?  Besonders Lesenswert die Schlussfolgerungen
Derselbe Artikel mit Diagrammen bei http://www.buerger-fuer-technik.de/ unter:
Themen > Energie > Radioaktivität > Wie gefährlich sind radioaktive Strahlen
Höchst lesenswert ist hier auch der Beitrag von Prof. Klaus Becker:
Themen > Energie > Radioaktivität > Strahlenrisioko und die Medien





1) Hier eine sehr positiv ausfallende Kommentierung des Mammut-Reports: 

http://www.21stcenturysciencetech.com/articles/chernobyl.html

2) Eine Fülle von Strahlungs-Einheiten und -Werten hier:
http://www.strahlentherapie.uni-bonn.de/strahlen_info.htm

3) An diesem hoch belasteten Ort erhält also derzeit ein Arbeiter bereits binnen  17 Stunden eine Dosis, die einer Kur in Bad Gastein entspricht. Über die Wirksamkeit von Schutzanzügen konnte ich bisher nichts in Erfahrung bringen. Zumindest werden hoffentlich die Masken eine Einatmung von kontaminierten Aerosolen wirksam reduzieren.