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Nachfolgender Artikel erschien im Juni 2006 in „Die Tabak Zeitung“.
Die Verbreitung im Internet ist mit Erlaubnis des Autors nach Rücksprache mit der Zeitung gestattet.
Prof. Dr. Ing. Günter Ropohl ist emeritierter Professor der Goethe-Universität Frankfurt. Er hat sich ausführlich mit Sinngehalten des Lebens, insbesondere der Technik, befasst.

 

Starker Tobak

Der Kreuzzug gegen die rauchenden Menschen

Unlängst hat das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg eine Aufsehen erregende Schrift vorgelegt („Passivrauchen – ein unterschätztes Gesundheitsrisiko“, Heidelberg 2005). Darin wird behauptet, dass jährlich 3301 Menschen an den Folgen des „Passivrauchens“ sterben, also aufgrund der unfreiwilligen Aufnahme von Tabakrauch aus der Umgebung – nicht 3200, auch nicht 3400, nein: genau dreitausend dreihundert und einer!

Freilich beruht diese Zahl nicht auf sorgfältig erhobenen wirklichen Erfahrungsdaten. Vielmehr hat man sie aus den verschiedensten Statistiken mit kühnen Schätzwerten spekulativ „hoch“gerechnet. Trotzdem begründen die Verfasser mit diesem fragwürdigen Resultat höchst weitreichende politische Forderungen. In allen öffentlichen Räumen und Verkehrsmitteln, besonders auch in allen Gaststätten und Eisenbahnzügen, soll ein totales Rauchverbot verhängt werden.

Den Verfassern scheint nicht klar zu sein, dass sie mit ihrer Forderung einem Drittel ihrer Mitmenschen ein Stück Lebensgenuss wegnehmen und sie von der Teilhabe am öffentlichen Leben ausschliessen, also in ihrer Persönlichkeitsentfaltung einschränken wollen. Darin liegt die verfassungspolitische Brisanz der Untersuchung, die eine öffentliche Auseinandersetzung erforderlich macht.

 

Wer ist überhaupt ein „Passivraucher“?

Nach einer repräsentativen Befragung des Berliner Robert-Koch-Instituts sind das Menschen, die folgende Frage bejaht haben: „Halten Sie sich tagsüber oder abends häufiger in Räumen auf, in denen geraucht wird?“ Was hier „häufiger“ bedeutet und wie stark in solchen Räumen geraucht wird, scheint nicht geklärt worden zu sein. Da wird zwar von einer künstlichen Versuchsanordnung berichtet, bei der in einem 12 Quadratmeter grossen Raum gleichzeitig 10 Zigaretten abgebrannt werden, aber diese Experimentalsituation ist natürlich völlig unrealistisch. Doch ist auch derjenige ein „Passivraucher“, der einmal die Woche in einem geräumigen, gut belüfteten Lokal ein paar Tische weiter jemanden rauchen sieht?

Ohne derartige Unterscheidungen in Betracht zu ziehen, schliesst jenes Institut aus der Befragung, dass „mehr als 20 Millionen Nichtraucher den Gefahren des Passivrauchens ausgesetzt sind“. Eigentümlicher Weise macht die Heidelberger Studie, die sich zunächst auf die erwähnte Befragung bezieht, ohne Begründung wenige Seiten später daraus „35 Millionen passivrauchbelasteter Erwachsener“. Welch wundersame Vermehrung! Tatsächlich ist weder die eine noch die andere Angabe über die Anzahl mutmasslicher „Passivraucher“ seriös, einfach darum, weil die höchst unterschiedlichen Raucheinflüsse auf Nichtraucher nicht mit der gebotenen Sorgfalt differenziert werden.

Aber auf das Ausmass der tatsächlichen Raucheinflüsse kommt es angeblich gar nicht an. Es wird nämlich in der Untersuchung behauptet, dass es dafür keinerlei Unbedenklichkeitsgrenzen gäbe; noch die denkbar geringsten Schadstoffanteile könnten den menschlichen Organismus schädigen. Diese Behauptung widerspricht der anerkannten Lehre der Toxikologie (der Wissenschaft von den Giftstoffen), die schon Paracelsus im 16. Jahrhundert auf den Begriff gebracht hat: „Jeder Stoff ist Gift, es kommt aber auf die Dosis an“. Wenn die Heidelberger diesen Grundsatz ausser Kraft setzen, versuchen sie sich unangreifbar zu machen. Sie wollen mit ihrem Horrorszenario auf jeden Fall Recht behalten, ganz gleich, wie verschwindend gering eine bestimmte Schadstoffkonzen­tration auch sein mag. Im Grunde machen sie sich den Standpunkt der esoterischen Homöopathie zu eigen, die bekanntlich behauptet, ein Wirkstoff könne gerade dann den menschlichen Organismus beeinflussen, wenn er winzigste, kaum noch messbare Bruchteile des Präparates ausmache – eine Irrlehre, die von vernünftigen Medizinern zu Recht verworfen wird.

 

Zahlen nicht aussagekräftig

Sind schon die Voraussetzungen der Heidelberger Untersuchung höchst anfechtbar, steht es um die Aussagefähigkeit ihrer Ergebnisse kein bisschen besser. Unterstellt man die anfangs genannte Zahl von 20 Millionen „Passivrauchern“, ergeben sich für die Spanne vom 20. bis zum 80. Lebensjahr rd. 333000 „Passivraucher“ in jedem Jahrgang. Die errechnete Anzahl von Todesfällen pro Jahr macht dann weniger als 1% der „Passivraucher“ aus, ein Anteil, der unterhalb statistischer Vertrauensgrenzen liegt. Jeder Studierende der Statistik lernt in den ersten Semestern, dass mit Fehlergrenzen von 3% nach oben oder unten zu rechnen ist. Ergebnisse, die unterhalb dieser Fehlergrenze liegen, sind nicht signifikant, d.h. nicht aussagekräftig.

Aber es kommt noch stärker: Die Menschen, die angeblich am „Passivrauchen“ sterben, ereilt der Tod nicht in jedem Jahr ihres Erwachsenenlebens mit der selben Häufigkeit. Bis zum 65. Lebensjahr sind es, nach Angaben der Untersuchung, gerade mal 13%. Aus den Sterbetafeln des Statistischen Bundesamtes kann man allerdings entnehmen, dass in diesem aktiven Lebensabschnitt insgesamt fast 19% der Gesamtbevölkerung sterben, also deutlich mehr als unter den „Passivrauchern“. Für die zwanzig Lebensjahre zwischen dem 65. und dem 85. Geburtstag gibt die allgemeine Sterbestatistik einen Anteil von rd. 53% der Todesfälle an. Die „Passivraucher“-Mortalität beträgt nach Heidelberger Berechnungen in diesem Lebensabschnitt ebenfalls rd. 53%, ist also identisch mit der allgemeinen Sterbehäufigkeit. Angesichts dieses Vergleichs, den die Heidelberger Studie bezeichnender Weise unterlassen hat, von einem besonderen Todesrisiko der „Passivraucher“ zu sprechen, ist geradezu abenteuerlich.

 

Keine gute wissenschaftliche Praxis

Zwischen den fragwürdigen Voraussetzungen und den waghalsig gedeuteten Ergebnissen liegen zahlreiche schwer durchschaubare Rechenoperationen mit scheinbar präzisen mathematischen Formeln, die bei genauem Zusehen auch ihrerseits nur mit Vermutungen, Annahmen und Schätzungen arbeiten. Eifrig wird aus einem Literaturverzeichnis von 280 Quellen zitiert, doch teilweise werden zum „Passivrauchen“ Arbeiten genannt, die sich, nach ihren Titeln zu urteilen, gar nicht damit, sondern mit dem aktiven Rauchen befassen. So führt man beispielsweise den Befund an, dass Rauchverbote am Arbeitsplatz einen Rückgang des Zigarettenkonsums zur Folge haben. Was für eine Überraschung!

Auch sonst bedürfte die wissenschaftliche Stichhaltigkeit und Aussagekraft der vielen Texte wohl noch gründlicher Prüfung. Bekanntlich gibt es ansehnliche Untersuchungen, die im „Passivrauchen“ keinerlei besondere Gefährdung erkannt haben; die aber werden überhaupt nicht berücksichtigt. Gute wissenschaftliche Praxis würde es erfordern, dass man sich damit argumentativ auseinander gesetzt hätte. Aber nichts dergleichen ist geschehen. Der allgemeine Stand der Forschung wird nicht sachangemessen, sondern einseitig und höchst tendenziös dargestellt.

Schliesslich leidet die Untersuchung vor Allem unter dem notorischen Fehler der herkömmlichen Schulmedizin, eine bestimmte Erkrankung allein mit einer einzigen Ursache erklären zu wollen. Da sterben ein paar Nichtraucher an Lungenkrebs, die irgendwann in ihrem Leben einmal Rauchpartikel eingeatmet haben, und schon behaupten Mediziner, dieses „Passivrauchen“ wäre schuld am Lungenkrebs. Dabei müsste die Medizin, wenn sie ehrlich wäre, zugeben, dass eine eindeutige Wirkursache für krankhaftes Zellwachstum bis heute nicht bekannt ist; sonst hätte man doch längst entsprechende Gegenmittel entwickeln können.

 

Irrtümer der Schulmedizin

Zugegeben: Für den Lungenkrebs ist bekannt, dass die meisten Fälle bei Rauchern auftreten, aber umgekehrt sterben fast 90% der Raucher nicht daran; seltsamer Weise wird diese Zahl öffentlich nie genannt. Schon daran sieht man, dass Tabakrauch, selbst wenn man ihn aktiv konsumiert, nur ein statistisches Risiko, nicht aber eine zwangsläufige Todesursache bedeutet. Dieses Risiko müssen natürlich die Raucher mit sich selber ausmachen. Wenn hingegen nur gelegentlich winzige Tabakspuren aufgenommen werden, liegt wie gesagt das angebliche „Risiko“ unterhalb der Schwelle statistischer Aussagekraft.

Das gilt auch für die Herz-Kreislauf-Erkrankungen, denen die Heidelberger Studie ohne jeden empirischen Beleg den grössten Teil der „passivrauchbedingten Todesfälle“ – genau 2148 pro Jahr! – zurechnet. Fast 90% dieser Todesfälle sollen sich allerdings erst nach dem 65. Lebensjahr ereignen, in einer Lebensphase also, in der eine eventuelle Tabakrauchbelastung selbst nach Angaben der Untersuchung drastisch abnimmt. Ausserdem wird mitgeteilt, dass Menschen, sobald sie dem Tabakrauch nicht mehr ausgesetzt sind, nach kurzer Zeit kein tabakbedingtes Zusatzrisiko mehr tragen, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben. Obwohl also die Zahl der Risikopersonen nach dem 65. Lebensjahr sehr stark zurückgeht, soll die Zahl der entsprechenden Todesfälle dramatisch steigen. Das ist völlig unplausibel und spricht umgekehrt dafür, dass die errechneten Todesfälle eben nicht dem „Passivrauchen“, sondern allen möglichen sonstigen altersbedingten Einflüssen zuzuschreiben sind.

Überhaupt müsste die Medizin, wenn sie aufgeklärt wäre, einräumen, dass die meisten Erkrankungen Systemeffekte sind, die sich aus dem Zusammenwirken verschiedener Faktoren ergeben. Dazu gehören nicht nur die immer wieder genannten Risikofaktoren der Umgebung, sondern natürlich auch die jeweilige genetische Veranlagung eines Menschen und die psychische und soziale Lebenssituation. Einen einzelnen Faktor aus diesem Systemzusammenhang zu isolieren und allein daraus eine bestimmte Erkrankung oder gar den sicheren Tod prognostizieren zu wollen, ist nach seriösen wissenschaftlichen Massstäben unmöglich.

Trotzdem breiten die Heidelberger auf zehn Druckseiten, das sind fast 15% des ganzen Textes, gesundheitspolitische Forderungen aus, die nicht mit Tatsachenbefunden begründet werden, sondern mit blossen Rechenspekulationen. Mit diesen unbegründeten Forderungen wollen sie Millionen von rauchenden Menschen die Freiheit nehmen, über ihre Lebensqualität selber zu bestimmen; und sie wollen den Rauchern die Teilnahme an öffentlicher Geselligkeit und Mobilität versagen. Mit einem Wort: Sie wollen mit ihrer Gesundheitshysterie verfassungsmässige Grundrechte ausser Kraft setzen. Zugleich machen sie sich der Anstiftung zum Unfrieden schuldig, weil seit der Veröffentlichung viele Raucher pogromähnlichen Anfeindungen ausgesetzt sind.

 

Raucher aller Länder, vereinigt euch!

Wer unfreiwillig Spuren von Tabakrauch aufnehmen muss, wird daran bestimmt nicht sterben. Allerdings haben manche Menschen ein sehr empfindsames Sensorium und fühlen sich darum vom Tabakrauch gestört. Auch auf solche Menschen, selbst wenn sie wohl nur eine Minderheit bilden, muss man Rücksicht nehmen. Man überträgt das altbewährte Prinzip der Eisenbahnen, als  diese noch Abteilwagen hatten, auf alle Bereiche der Öffentlichkeit. Man richtet abgetrennte Raucher- und Nichtraucherzonen ein. Übrigens zeigt die Untersuchung anhand eigener Messungen, dass in Nichtraucherabteilen der Bahn die Schadstoffkonzentration genauso niedrig ist wie in einer städtischen Fussgängerzone. Damit entziehen die Verfasser ihrer Forderung nach einem allgemeinen Rauchverbot in den Eisenbahnen selber jede Grundlage. Nichtraucher haben ein Recht darauf, nicht von Tabakrauch belästigt zu werden, aber Raucher haben auch ein Recht darauf, überall humane Raucherbereiche anzutreffen.

Die verbissene Tabakbekämpfungs-Lobby, die von einer voreingenommenen Abteilung der Weltgesundheitsorganisation über zahlreiche einseitige Mediziner und Gesundheitsfunktionäre bis hin zu etlichen privaten Eiferer-Vereinen reicht, versucht mit allen Mitteln, die Raucher zu Aussätzigen zu machen, die auszumerzen sind; selbst die Medien lassen Raucher kaum noch zu Wort kommen. Wenn diesem undemokratischen Treiben ein Ende bereitet werden soll, müssen sich auch die Raucher organisieren. Nur mit einem mitgliederstarken Verein wird es ihnen gelingen können, ihre verfassungsmässigen Rechte zu wahren. Ob da auch Tabakindustrie und Tabakhandel Hebammenhilfe leisten sollten, ist eine schwierige Frage, aber schliesslich ginge es ja um wohlverstandenen Kundendienst, nicht in erster Linie ums Geschäft, sondern um die Freiheit der Raucher!

Das ganz grosse Geschäft mit den Rauchern macht vor allem der Staat. Die rauchenden Menschen zahlen jährlich 14 Milliarden Euro an Tabaksteuer, jeder Einzelne im Durchschnitt rd. 800 Euro im Jahr. Statt diese Summe im allgemeinen Haushalt untergehen zu lassen, muss der Staat verpflichtet werden, daraus bauliche, lüftungstechnische und organisatorische Massnahmen zu finanzieren, die beiden Seiten annehmbare Bedingungen gewährleisten: den Rauchern angemessene Raucherbereiche und den Nichtrauchern Schutz vor persönlich empfundenen Belästigungen. Aber die rauchenden Menschen gleich zweifach zu diskriminieren, indem man ihren Genuss einerseits hoch besteuert und andererseits allerorten verbieten will, ist eine rechtsstaatliche Perversität.

 

Ewig leben?

Die Prognosen zum vielfachen Tod von „Passivrauchern“ sind nichts anderes als rabulistische Zahlenmagie. Nur eine Prognose ist wirklich zuverlässig: Jeder Mensch wird eines Tages sterben, auch wenn er nie mit Tabak in Berührung gekommen ist. Dient vielleicht all diese hysterische Angst vor dem „Passivrauchen“ bloss dazu, die Einsicht in die unausweichliche Sterblichkeit der Menschen zu verdrängen? Die Warnhinweise jedenfalls, die inzwischen dank der Tabakbekämpfungs-Lobby auf jeder Zigarettenschachtel zu lesen sind, können tatsächlich den Eindruck erwecken, als wenn Nichtraucher ewig leben würden; bloss vor dem „Passivrauchen“ müsste man sie noch schützen …

Günter Ropohl

 

 

(Anmerkung: Der Verfasser ist Wissenschafts- und Technikphilosoph. Er hat diesen Text aus persönlichem Engagement und ohne jeden Auftrag geschrieben. Er hat das Manuskript zunächst einer grossen Publikumszeitschrift angeboten und gleichzeitig Kopien im Bekanntenkreis verbreitet. Nachdem diese Zeitschrift das Manuskript nach Monate langem Zögern abgelehnt hatte, ist der Text in einem seit über 100 Jahren eingeführten Fachorgan für den Tabakhandel veröffentlicht worden, das zufällig eine Textkopie erhalten hatte; vgl. Die Tabakzeitung, 116. Jg. (2006), Nr. 24 vom 16. Juni 2006, S. 8.)

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